Slowakei und zurück – Reisebericht

Auch dank eurer Spenden stand der Lackierung unseres Schulungsdoppelsitzers diesen Winter nix mehr im Weg. Danke dafür! Vergangenes Wochenende wurde das Flugzeug im Hänger von „Burky“ und Lennart in die Slowakei gefahren. Eine nicht unerhebliche Strecke von welcher im Folgenden von Burkhard amüsant berichtet wird.

 

Keiner von uns hat den Transport zu dieser Jahreszeit auf die leichte  Schulter genommen, und deshalb haben wir alle möglichen Informationen, nicht nur über das Wetter, sondern auch über Verkehrssituationen, wie Maut oder wo man  mit einem 11m-Hänger am besten Etappe machen kann, im Vorfeld abgeklärt. So habe ich zB ein Hotel in Karlsbad (ca 150 km hinter der Deutsch-tschechischen Grenze) wieder storniert, da die obligatorische Anreise vor 17:00 am Freitag einfach nicht zu machen war, alles in allem eine Menge Arbeit.

Aber am Donnerstag morgen haben wir dennoch den Countdown gestartet und schließlich am Freitag den Hänger mit vereinten Kräften aus der Halle gezogen, was angesichts verschneiten Vorfeld nicht einfach war. Lenny  macht den Check der Beleuchtung am Hänger – OK – dann Clubheim abschließen, einsteigen und los. 14:55 ist es nun. Die teilweise vereiste Holzer Straße war sofort die erste Herausforderung, die es zu meistern galt. Lenny hat die Mail „…zero…Zündung!“ wohlweislich auch erst dann abgesetzt als wir sicher auf der Hauptstraße waren, das wäre uns doch zu peinlich gewesen, wenn es anders gekommen wäre und hier schon gekracht hätte. Es geht in Richtung A4 Olpe weiter auf die 45 Richtung Erlangen, wo wir im B&B-Hotel Etappe machen wollen. Wir wechseln nach 2,5 Std das erste Mal, und Lenny fährt zum ersten Mal Hänger und er macht es gut. Der Plan, Freitag Nachmittag nach dem üblichen Stau in den klassischen Regionen wie Frankfurt zu ohne Verzögerung zu passieren geht auf und um 19:22 sind wir am Hotel und checken ein. Gebucht sind zwei Einzelbetten, geliefert wurden zwei Matratzen in einem Doppelbett. Wir ignorieren diesen Umstand jedoch.

Den dringenden Hunger bekämpfen wir Hotel „Tennenhof“, Lenny mit Schnitzel, ich mit „strammen Max“, dazu das von der erfolgreichen Erlanger Band „JBO“ viel besungene „Kitzmann Bier“ : Lecker! Die Stimmung ist gut und wir sind zuversichtlich, obwohl wir wissen, dass morgen der härteste Tag der Reise ansteht.

Da ich in Reichweite von Lenny liege, bekomme ich Nachts Schläge von Lenny, wenn ich schnarche. Ich beschließe gnädig zu sein, noch…..

Samstag, 07:30: Wir sind die ersten am Frühstücksbuffet und um 08:00 am Wagen. Es sind Minustemperaturen bei Sonnenschein, das Auto ist zugefroren. Deshalb hatte ich die Lötlampe, die für den Fall, dass ich die Fahrertüre, wie am Freitag morgen nicht aufkriege, vorsorglich im Hotelzimmer gelagert, im zugefrorenen Auto nützt sie ja nichts. Aber wir kommen ohne zum äußersten greifen zu müssen ins Auto, allerdings bleibt das Türschloss vereist, so dass wir x-mal die Fahrertüre vom Beifahrersitz öffnen müssen. Wir haben Spaß mit den Fritten, die sich Lenny im Tennenhof in eine Plastikschüssel hat einpacken lassen und spielen damit Ice-curling auf dem vereisten Peugeotdach. Der Ehrgeiz in ihm verlangt danach, dass er das Gespann Rückwärts aus der engen Parkbucht und Hotelzufahrt rangieren will, was Lenny auch souverän gelingt. Meine Befürchtungen, dass sein Ego in den Himmel wächst sind allerdings auch berechtigt 😉 Um 8:25 sind wir wieder unterwegs in der Winterlandschaft in Richtung Tschechischer Grenze. Wir kaufen noch in Deutschland eine Mautvignette und hören das Eifelkrimi Hörspiel weiter. Zwischendurch legt Lenny aber auch ein paar Arien von Pavaroti auf und zusammen mit der ihm eigenen, leicht besserwisserischen Tendenz und der Tatsache, dass er mit Handschuhen am Steuer sitzt lässt mich sagen: „man bist Du Börne“ und so frotzeln wir eine Weile im possenspielerischer Weise wie im Münsteraner Tatort – Lenny alias KF Börne, ich als Thiel, nur nicht ganz so dick. Um 11:00 Fahrerwechsel an einer Tankstelle, wo wir in tschechischen Kronen zahlen sollen. Eine Zahlung in Euro ginge zu 1:24, aber ich kannte ja den realen Kurs zu 1:39;  ein deutlicher Unterschied, also kam nur Kartenzahlung in Frage. Niemand sprach Englisch und unser Hotdog bestellten wir im Drauf-zeigen-Modus.

So gegen Mittag passieren wir Prag, danach wird die Autobahn „welliger“. Derart, das wir ein tolles Tremolo in jeder Stimmlage hinkriegen, weil die Vibrationen des Gespanns unser Vibrato unterstützen, was wir Jule während eines Anrufes ihrerseits vorführen. Aber leider wird das im großen und ganzem mit jedem Kilometer nach Osten Schlimmer. Die Autobahn wird so, dass man das Gefühl hat über Schienen zu fahren – Lenny wird fast schlecht, ich mache mir Sorgen um mein armes Fahrwerk. Hinter Brünn ist die Autobahn irgendwann zu Ende, dadurch werden die Straßen aber nicht besser, eher im Gegenteil. Erst jetzt, ca 230 km  vor dem Ziel realisiere ich, dass der Rest nur noch Landstraße ist. Allerdings kalkuliert das Navi diesen Umstand mit ein und wir können sehr genau abschätzen, dass wir gegen 18:00 in Prievidza sein werden und informieren Ivan von Aeropaint. Die Gegend ist relativ dünn besiedelt, teilweise sind die Häuser ärmlich, aber meistens sind sie wie bei uns auch. Mir gefällt die riesige, gemalte, fotorealistische Fassadenwerbung, die man sehr häufig sieht. Ich weiß wie aufwendig das ist und denke mir dass die Tschechen anscheinend Malerei mögen.

Als es gegen 16:00 zu dämmern beginnt, sehen wir in der Ferne vor uns das Grenzgebirge. Deshalb sind ja die Schneeketten an Bord. Ich bin Jörg dankbar, dass wir im Vorfeld der Reise über das historische Böhmen & Mähren korrespondierten. In meiner Repiste auf seine Andeutung „dass das Reichsprotektorat B&M ja in meine „Hitlerjugend“ fiele, kontere ich dass seine Jugend in der K&K Zeit stattfand. Um auf jeden Fall historische korrekt zu sein, fand ich bei meinen Recherchen heraus, dass es hier ein beachtliches Mittelgebirge gibt. Das Javorník-Gebirge als Teil der Westkarpaten hat den höchsten Gipfel mit 1091m. Da müssen wir drüber und dann sind es noch 80 km. Wir fahren vorsichtig, können einen Crash mit einem kapitalen Zwölfender verhindern. Allerdings fragen wir uns warum der Blinker schneller blinkt als gewöhnlich, was aus meiner Erfahrung ein Zeichen für Kontaktfehler ist. Angehalten, Check, aber alles ist OK. Wir fahren weiter, aber das Phänomen kommt wieder und dann fangen die Autos hinter uns an zu licht-hupen. Es dämmert mir: Durch die ewigen Vibrationen ist der Anhängerstecker aus der Steckdose gefallen. So war es und während ich das behebe, verblüfft Lenny die anderen Autofahrer, die freundlich anhalten mit seinem Russisch (Börne!). Auf Slowakischer Seite gibt es Geschwindigkeitskontrollen ohne Ende und wir halten uns dran. Wir kommen in Prievizda an und finden nach einigen Schwierigkeiten dank Lenny schließlich Aeropaint und werden sehr freundlich von Ivan und Martin begrüßt. Vor den Werkstatttoren ist eine dicke Eisschicht, von den Niederschlägen vom letzten  Wochenende herrührend, was uns seinerzeit ja bewog, die Tour abzusagen. Wir holen die 21 aus dem Hänger und Ivan und Martin begutachten unseren Vogel. In der Halle stehen neben zwei weiteren zu schleifenden Flugzeugen eine frisch lackierte 21 aus Aahlen, sieht sehr gut aus. Wir regeln die Formalitäten und sind begeistert von den Gestaltungsmöglichkeiten die die Firma hinsichtlich Wingtips, Nase und ASK 21-Logo anbietet. Dann muss die 21 wieder in den Hänger und denselben schieben wir schlitternd über den Hof, damit er nicht im Weg steht. Gegen 20:30 treten wir den Rückweg an, halten am östlichsten Dönerladen (18° 37′ O) meines Lebens, da wir nicht damit rechnen können nach Mitternacht in Prag noch warm essen zu können, wenn überhaupt. Tanken müssen wir auch und den Luftdruck hinten reduzieren, was mir aber erst später einfällt. Lenny setzt die Mail „der Adler ist gelandet“, die das Erreichen unseres Missionsziels verkündet, ab. Zur Übermittlung der Tonbotschaft: “ It’s just a little step for a man, but a huge leap for Luftsportverein“ fehlt uns dann doch das letzte Quäntchen Energie.

Dann gehts wieder über das Javorník-Gebirge und haben wieder einen Wildwechsel an fast der selben Stelle. Obwohl wir schon über 700 km auf den Buckel haben fährt es sich so viel angenehmer ohne Hänger, die Straßen sind auch leichter zu ertragen. Wir wechseln spätestens alle zwei Stunden, hören Krimi und erreichen das B&B-Hotel in Prag um kurz nach Mitternacht. Lenny checkt ein während ich mit dem Auto draußen warte. Dann gehts in die Tiefgarage und ich muss noch eine letzte Bewährungsprobe bestehen, weil die sch…s-f…cking-k…ck Tiefgarage mit Pfeilern total verbaut ist und ich vier Versuche brauche, um die Kiste abzustellen. Lenny verbietet mir den Pfeiler zu sprengen.

Nach dem Auspacken checkt Lenny dass im Hilton gegenüber noch die Lounge auf ist und wir gehen hin. Wir lassen uns von dem schnöden Mammon, den es im Hilton zu Hauff gibt, nicht beeindrucken und betreten die Bar im obersten Stockwerk, wo sich die Jungen, Schönen und Reichen ein Stelldichein geben. Lenny vereint am ehesten von uns alle beiden alle drei Eigenschaften am ausgewogensten auf sich, so fallen wir auch gar nicht auf und genießen den Blick durch das Panoramafenster auf die Moldau, ignorieren das Technogestampfe und sinnieren darüber ob Bedřich Smetana die „Moldau“ auch in Dur hätte komponieren können, ohne dass es nach „Alle-meine-Entchen“ klingen würde. Nach zwei Bier gehen wir, zunächst auf die Moldaubrücke und dann um 02:30 ins Bett, nachdem wir die ins Auge gefasste Sightseeingtour am nächsten Morgen zu Gunsten verlängerter Nachtruhe gecancelt haben.

Ich habe vergessen, die zu einem Bett zusammengestellten Einzelbetten auseinander zuziehen, das rächt sich jetzt: ich bekomme Schläge…

Am Sonntagmorgen klingelt um neun mein Wecker, Lenny hat bereits die Morgentoilette hinter sich und macht nun seine Yoga-Übungen, während ich mich meinerseits ins Bad begebe. Danach gehts zum Frühstück mit Prager Spezialitäten, uns schmeckt es. Lenny bringt dabei via Google in Erfahrung, dass der Supermarkt um die Ecke Sonntags geöffnet hat, so dass er das für die Freunde versprochenen hochprozentigen Prager Spezialitäten auch tatsächlich kaufen kann. Wir bringen also unser Gepäck zum Auto und gehen shoppen, wobei ich draußen bleibe und mit Sylvia telefoniere. Dabei schaue ich mir die Straßenzeile mit Patrizierhäusern an. Gegenüber fällt ein marodes kleineres Haus aus der Reihe Es ist dunkel, hat kaputte Fenstern. Ich denke mir, dass darin Kafkas Verwandlung des Gregor Samsa stattgefunden hat, oder aber: Das Herrenhaus von ehedem ist nach kafkaesker Verwandlung nun die Kakerlake in mitten der Häuserfamilie.

Lenny kommt aus dem Laden, den Arm voller Flaschen. Uns kommen Bauarbeiter entgegen, die ziemlich lüstern auf Lennys „Oberweite“ starren. Wir gehen in die Tiefgarage, ich versuche herauszufinden auf welche wundersame Weise wohl das Garagentor auf geht – eine Schranke und Parkticket gibt es ja nicht. Ich würde mir zu viel um alles Gedanken machen meint Lenny. „Ich denke, also bin ich“ entgegne ich, und in diesem Fall bin ich hier bzw dort, weil ich auf dieser Reise wenig dem Zufall überlasse, ich sag nur Lötlampe 😉

Draußen vor dem Tor geben wir „zum Heimatort fahren“ ins Navi ein und lassen uns über die Moldaubrücke hinaus aus der Stadt führen – prognostizierte Ankunftszeit: 16:45. Später erst fällt mir auf dass wir über Dresden heim ins Reich fahren, die Wahl der Route habe ich zwar nicht dem Zufall überlassen, aber immerhin dem Navi. So lerne ich dann mal Sachsen und Thüringen kennen. Lange vorher jedoch kommen wir überraschend an Austerlitz vorbei, wo Napoleon seinen genialsten Sieg errungen hatte. Wir nähern uns der tschechischen Seite des Erzgebirges und malen uns aus wie uns der Verein nach erfolgreicher Rückkehr mit Füße-küssen, Körperpflegerinnen und Konfettiparade empfängt und haben keinen Zweifel an unseren Verdienst; nur dass man den Tag nicht vor den Abend loben soll hält uns auf den Teppich. Lenny zückt den Joghurt und einen Löffel, den er im Hotel geklaut hat und triumphiert stolz über seine Beute, ich kommentiere mit einem nicht jugendfreien Statement, den ich hier nicht wiederhole.

Auf der anderen Seite des Erzgebirges fällt mir ein dass hier einst ein Bäuerlein den Kopf gen Himmel schauend das Phänomen der Lentikulariswolke erkannte, weshalb ein Hochleistungssegelflieger der 30er Jahre nach ihm benannt wurde: die Moazagotl. Wir hatten mal die davon abgewandelte Minimoa im Verein. Von den katastrophalen Schneefällen, die hier letzte Woche angeblich runter gekommen sein sollen ist aber nichts zu sehen, überall scheint grün durch. Klarer Fall von: Lügenpresse, Lügenpresse…..

Wir passieren Sachsen und ich kann mich leider nicht der Assoziationen erwehren, die die Ortsnamen in Verbindung mit dem NSU in mir auslöst. Wir kommen auch an Buchenwald vorbei. In der Mittagspause kann ich an einer Tanke nicht den leckeren sächsischen „Schweinereien“ widerstehen, schwanke zwischen Leberkäse in Semmel oder Spiegelei mit Speck in Semmel. Es wird das Eierbrötchen, ich bin mit Sachsen versöhnt.

Von weitem sehe ich die Wartburg, Luthers Exil; Jena und Zeiss, Gotha und seinem Platz in der Geschichte des deutschen Flugzeugbaus. Ich bin müde, nicke weg, verpasse ein Teil des Eifelkrimis und die komplette A5. Ich wache vor Wetzlahr auf – Lenny grinst. Ich hätte geschlafen und geschnarcht. Keine Schläge frage ich mich, ist jetzt das Atmen erlaubt?

Im weiteren Verlauf müssen wir auf Autoatlas umschalten, da die Autobahnauffahrt zur A45 Richtung Dortmund gesperrt ist und das Navi trotz Aktualisierung nicht im Bilde ist. Infrastrukturell wird Deutschland immer mehr zur Bananenrepublik. Schließlich biegen wir beim Autobahnkreuz Wenden auf die A4, der untergehenden Sonne entgegen. Lenny fährt immer noch und genießt den Peugeot, ich genieße das Licht und die Farben. Dann, als Lenny mir eröffnet, dass wir nicht direkt nach Overath durchfahren können, weil wir vorher noch zum Flugplatz müssten, da er dort noch Sachen deponiert hatte, weswegen ich Schnappatmung bekomme, klingelt sein Handy, sein Vater ruft an. Ich nehme ab und sage: „Hallo, hier bei Strenge“. Glucksen am anderen Ende der Leitung, Überraschung darüber, dass wir schon auf der Zielgeraden sind und er – oh Schreck- noch auf Familienbesuch und dass er Sohnemann nicht abholen könne. „Das macht nichts“ sage ich, “ ich werde Sohnemann schon nach Hause bringen, ihn aber ein bisschen „würgen“. Ich erkläre Vater Strenge dass ich ihn liebevoll würgen werde, da sein Gepäck im Clubheim durchaus noch Platz im Auto gehabt hätte und der Abstecher nach Lindlar vollkommen überflüssig war. Vater Strenge lacht hörbar. Sohn protestiert, da Vater meinem Vorhaben bezüglich des Würgegriffes offenbar zustimmt.

In Lindlar am Flugplatz erwarten uns keine Füsseküsser, Körperpflegerinnen und Konfettiparaden. „Nur“ Pockmo kam uns entgegen, Max und Ina, die mit Töchterchen Schlitten fuhren, sind auch schon weg. Aber der Vollmond steht niedrig am violetten Abendhimmel neben dem Windsack, oder da wo er wäre, wenn es Sommer wäre. Es bleibt also nur noch das Trennen des Mülls, der sich in den zwei Tagen in einer Tüte angesammelt hat, doch die Deckel der Tonnen sind fest gefroren. In einer konzertierten Aktion aus Handkantenschlag (Lenny) und Lötlampe (ich) knacken wir die Dose. Nachdem wir also auch noch den Planeten gerettet haben, nehmen wir das allerletzte Wegstück in Angriff. Bei Lenny angekommen, verabschieden wir uns herzlich und ich fahre zurück über Hohlkeppel und habe ein wunderschönes Abendrot über die winterliche Rheinebene. Zuhause erwartet mich ein glücklicher Hund und meine liebe Frau…

Danke euch beiden für die Tour!